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Machete

 

Christian Schnurer im Gespräch mit Bernhart Schwenk

 

Für einen bewussten Moment Leben

 

Ist das Kunstmachen eine gefährliche Sache?

Gefährlich ist das Leben an sich, davon ist man als Künstler nicht ausgenommen. Verglichen mit anderen Berufen, üben wir allerdings einen relativ sicheren Job aus. Ja - wäre da nicht ein gewisses Investitionsrisiko, könnte man den Beruf des Künstlers sogar als den sichersten der Welt bezeichnen. Ich persönlich misstraue dieser Sicherheit aber und versuche, aufmerksam zu bleiben und mich durch das bewusste Eingehen von kontrollierten Risiken vielleicht sogar selbst zu trainieren. Ich finde es erschreckend, wie schnell uns das genormte, kultivierte Umfeld, in dem wir uns bewegen, ursprünglicher Vitalfunktionen beraubt – der natürlichen Vorsicht etwa, oder des Vermögens, Situationen genau einzuschätzen. Im Kunstraum wird dieses Nachlassen der ursprünglichen Schutzfunktionen besonders auffällig, weil die Menschen grundsätzlich davon ausgehen, sich ‚im abgesicherten Modus’ aufzuhalten. Dabei sind doch in der Kunstgeschichte etliche Fälle bekannt, bei denen Kunstbetrachter von Metallskulpturen erschlagen wurden oder vor Gemälden erblindet sind.

 

Wie bitte?

Ich dachte bei diesen Beispielen an den Unglücksfall mit einer „Moby Dick“-Skulptur von Frank Stella. Und an Bilder von Gerhard Richter, von denen der Maler in den sechziger Jahren behauptete, sie seien so gut, dass schon ein kurzer Blick den Betrachter blind mache. Und dann fällt mir noch der Kühlschrank von Duchamp ein, in den Tinguely eine Feuerwehrsirene eingebaut hat, die losging, wenn man die Kühlschranktür öffnete. Dabei soll einer einen Herzinfarkt bekommen haben. Ob diese Fälle tatsächlich passiert oder nur kokette Legenden sind, ist die Frage. Es bleibt aber die Feststellung, dass Kunst kein ästhetischer Gaumenschmaus ist, sondern eine existenzielle Angelegenheit, und ich kann unerfahrenen Betrachtern nur zu äußerster Vorsicht raten.

 

Nun sind umstürzende Skulpturen Gefahren, denen man auch im Alltag ausgesetzt ist. Gibt es nicht andere Risiken, die weitaus gefährlicher sind? Zum Beispiel Erkenntnis, die plötzlich über einen hereinstürzt?

Klar, Selbsterkenntnis ist vermutlich die größte Gefahr. Aber das Risiko, sich auf Kunst einzulassen, muss jeder selbst auf sich nehmen. Die Konsequenzen sind Erleuchtung oder Verwirrung. Es gibt keine vereinbarten Grenzen, wie weit man gehen darf. Erkenntnis, die einen einfach so überfällt, ohne dass man aktiv dazu beiträgt, habe ich allerdings noch nicht erlebt.

 

Du hast vorhin von„kontrollierten Risiken“ gesprochen…

Das bedeutet, dass ich die Grenzen im Auge behalte. Vor ein paar Jahren habe ich einen Film gemacht, bei dem ich auf einem Leiterwagen eine Bombe durch München transportiert habe. Das war eine unglaubliche Anspannung, wie ich sie vorher nie erlebt habe. Eigentlich ging es ja um eine surreale Aktion. Aber die politische Situation war ziemlich real: Es war der zweite Tag des Golfkriegs, und auf einen Schutz durch die Freiheit der Kunst konnte ich da nicht vertrauen. Ohne juristische Absicherung hätte der nette Spaziergang leicht im Knast enden oder mich finanziell ruinieren können. Ich habe einen Weg gefunden, das weitgehend auszuschließen – aber ohne hundertprozentige Sicherheit. An einem anderen Ort, etwa in Washington oder London, hätte ich die Aktion nicht gewagt, da hätte ich Angst vor einer Kugel gehabt.

 

Hat sich Deine Kunst mit Blick auf die politische Weltlage in den letzten Jahren verändert?

Interessant ist tatsächlich, wie sich die Vorstellung von Bedrohung allgemein gewandelt hat. Das wurde auch in den Reaktionen meines Publikums deutlich. Was 2000 noch als anachronistische Irritation wahrgenommen wurde, konnte 2001 gar nicht mehr gezeigt werden, wurde 2002 als politisch unkorrekt angesehen und später wieder genau umgekehrt, je nach Tagesgeschehen und Ort. Sicher war meine persönliche Beziehung dazu auch gewissen Schwankungen unterworfen, aber im Grunde entwickeln sich meine Objekte zwischen den Fundstücken und mir – auf einer eigenen Zeitschiene. Ich reagiere selten auf den historischen Moment.

Welche Bedeutung hat das Publikum für Dich?

Meine Aktionen, die mit realen Gefahren umgehen und bei denen sich das Risiko auf mein persönliches beschränkt, finden meist abseits statt – ohne vorherige Ankündigung und ohne Publikum. Die Ergebnisse können nur durch Dokumentation, also in Form von Foto oder Film in den Kunstraum gebracht werden. Diese Arbeiten sind meine ältesten. Ich habe damit während meines Studiums begonnen oder sogar schon davor.

 

Wie hat sich Deine Arbeit dann weiter entwickelt?

Als nächstes kamen die Fallen, die sich gegen das Publikum richten, die Besucher real bedrohen und angreifen könnten. Bei ihnen ist das Restrisiko natürlich technisch minimiert, obwohl ich eine gewisse Verletzungsgefahr nie ganz ausschließen kann. Die Gefahr ist allerdings offensichtlich, und ich vertraue auf den gesunden Menschenverstand, dass man angespitzte Bambusstäbe, Glasscherben oder Klingen als gefährlich erkennt und sich entsprechend verhält. Unausgesprochen stehen Fragen im Raum wie zum Beispiel: Wie weit gehst Du? Vertraust Du dem Künstler, wenn er Dir anbietet, den Auslöser einer Bombe zu betätigen? Würdest Du dein Leben riskieren, um Deine Neugier zu befriedigen? Die Arbeiten sind psychologische Feldversuche, bei denen die Betrachter eine Art Probanden sind. Jeder erlebt dabei seinen eigenen Charakter.

Aus den Fallen haben sich dann komplexere technische Apparaturen entwickelt, zu denen auch die „Drohne“ gehört. Bei diesen Arbeiten ist die Gefahrensituation ins Surreale übersteigert. Das narrative Element ist hier am stärksten und die Interpretationsmöglichkeiten am weitesten offen. Ich stelle da auch die größte Kommunikation mit dem Publikum fest, die Gespräche sind ungehemmt und berühren viele Themen. Meist geht es um persönliche Erfahrungen – Kriegserlebnisse, Knabenstreiche, Politik, Technik. Man glaubt gar nicht, wie viele Leute tolle Tipps zum Bau von Zündvorrichtungen haben – ein Thema, das ich selbst nie ernsthaft erforscht habe. Auffällig ist dabei die unterschiedliche Sensibilität zwischen Frauen und Männern. Während Frauen können zum Teil richtig ärgerlich werden, sind Männer und besonders kleine Jungs meine größten Fans.

 

Stört Dich das?

Nein. Frauen und Männer haben offenbar unterschiedliche Sichtweisen.

 

Gibt es für Dich eine Idealreaktion?

Die vorsichtige Annäherung ist sicher die gewinnbringendste Reaktion. Dabei wird die natürliche Neugier auf Unbekanntes ausgekostet. Die Anziehungskraft des Auslösemechanismus ist enorm, ähnlich der Sogwirkung beim Blick aus der Höhe in eine Tiefe. Die Entscheidung, die letzte Distanz zu überwinden und den Mechanismus auszulösen, wäre folgerichtig und tollkühn. Aber ob die Falle letztlich zuschlägt oder nicht, ist egal. Beides wird belohnt: mit einem Adrenalinausstoß und einem direkten und bewussten Moment Leben.

Life at a given moment

 

Is making art dangerous?

Life in itself is dangerous – an artist is not exempt from that. In comparison to other professions however, we have a pretty safe job. If not for a certain investment risk it would be the safest job in the world. Personally I don´t trust security and try to keep aware, training myself to take carefully controlled risks. Its quite frightening how quickly the standardized, cultivated world can rob us of our basic vital functions, like natural caution or the ability to assess given situations. This also tends to happen in locations where art is shown because people let their guard down, literally believing themselves to be in a “safe area”. But there have been cases in art´s history where the spectator has been hit by a metal sculpture or even blinded by a painting.

 

I beg your pardon?

Yes certainly! What about the case of the accident with Frank Stella´s “Moby Dick” sculpture. Or the Gerhard Richter paintings in the 60´s, that he claimed were so good, that even a short glance at them caused blindness! And then there was Duchamp´s fridge where Tinguely installed a fire siren. It went off when the door opened - apparently someone suffered a heart attack at the shock of that! Whether these things really happened or are just the stuff of some coquettish legend, who knows. But it does rather prove the point that art is not just aesthetic pleasure, it is also existential. I can only warn the inexperienced spectator!

 

Well, collapsing or falling sculptures can happen any time. Surely there are greater risks involved such as a blinding flash of realization or knowledge?

Well yes! Knowledge of one´s limitations is possibly the greatest danger. The risk of getting involved with art is something that everyone has to decide for themselves. The consequences are either inspiration or confusion. There are no given boundaries as to how far one can go. Knowledge that arrives in a blinding flash, without having actually been worked for, is something I still as yet have to experience!

 

You spoke earlier on of “controlled risks”

That simply means that I´m conscious of certain limits that keep me from crashing too dramatically.

A few years ago you made a film where you transported a bomb through Munich on a rack-wagon…..

That was an incredibly tense experience which I´d never been through before. It was actually all about surreal action. But the political situation at the time was very real: It was Day Two of the Gulf War and I could´nt really expect to be protected by poetic license! Without legal protection, the walk through Munich would have ended in the clink or financial ruin. I found a way to reduce the risk but not one hundred per cent. I wouldn´t have dared do it in another place like Washington or London – I´d have been too worried about the reaction – bullets or whatever!

 

Has your art changed in light of the world´s political situation in recent years?

Actually, it´s really interesting how the perception of “being threatened” has changed generally. This has also been clear in the reactions of my public. What was thought of as an anachronistic irritation in 2000, couldn´t even be put on show in 2001; was seen as politically incorrect by 2002, and later quite the contrary, depending on daily world events or the location. Clearly my feelings have also been influenced. But basically; my work develops as a result of the inter-change between myself and the objects I find .This relationship has its own time-zone. I rarely react to the historical moment.

 

How important is the public to you?

My action-art that involved danger or taking personal risks happened mostly out of the public eye without any sort of previous announcement. The results were documented and then shown either as foto or film. Those are my oldest works. I started on them during my studies. Actually even earlier than that.

 

What has developed from these private actions into the public work?

The Traps were next. Directing danger and posing a real threat to the spectator. The risks were technically minimized but nothing like this is guaranteed 100% risk-free. But the danger is obvious, and I expect and count on natural common sense, which allows that bamboo poles, glass shards and razors can be dangerous. Prudence is the word! Along with this, unspoken questions hang in the air: How far will you go? Do you trust the artist when he offers you the chance to set off a bomb? Would you risk your life to satisfy your curiosity? The work is psychological field research, with the spectator in the role of guinea pig! Everyone gets to experience their own character.

 

More complex technical apparatus developed out of the Traps – “The Drone” is one of them. It heightens the sense of danger to a surreal level……

The narrative element is strongest in the bombs and leaves the widest scope for interpretation. I´ve noticed here that the public has its biggest need to communicate. The discussions are uninhibited and touch on a lot of subjects. Its mostly about personal experiences – in the war, boyish pranks, politics or technology. You wouldn´t believe how many people have tips for constructing ignition devices – a subject that I´ve never really seriously gone into! Interesting here is the difference in sensitivity between men and women. Whilst women can sometimes become really angry, the men, and especially small boys are my biggest fans!

 

Does this worry you?

No! Men and women obviously have a different way of seeing things!

 

What is an ideal reaction?

A cautious approach is probably the most satisfying reaction. Its all about a natural curiosity of the unknown. The attraction of the ignition mechanism is enormous - similar to the pull of the depths when you look down from a great height. The decision to brave the final distance and set off the mechanism would be logical and reckless. But it doesn´t matter whether the trap snaps shut or not. Both reward you with a rush of adrenaline and a direct and acutely conscious moment of experience.